Das Kirchenjahr
Wie Leonhardi und Georgiritt das landwirtschaftliche Jahr rahmen.
Lesen →Zweimal im Jahr werden in Oberbayern die Pferde gesegnet. Im Herbst zu Leonhard, im Frühjahr zu Georg. Bad Tölz ist das größte Beispiel.
Die Leonhardifahrt ist die größte alpenländische Pferdewallfahrt und einer der wenigen Bräuche der Region, der ausdrücklich nicht den Menschen, sondern den Tieren gilt. Im Mittelpunkt steht der Heilige Leonhard, in Bayern so verehrt, dass man ihn volkstümlich den Bayerischen Herrgott nennt. Er gilt als Patron der Pferde und des Viehs, und genau dafür wird er einmal im Jahr mit einem ganzen Festtag bedankt.
Das größte und bekannteste Beispiel ist die Tölzer Leonhardifahrt, in der Regel am 6. November, dem Namenstag des Heiligen. Über achtzig prachtvoll geschmückte Vierergespanne ziehen vom frühen Morgen an durch die Stadt, hinauf zur Leonhardikapelle auf dem Kalvarienberg, wo Pferde und Wallfahrer gesegnet werden und ein Festgottesdienst im Freien stattfindet. Auf Authentizität wird streng geachtet: zugelassen sind nur Vierspänner mit beschlagenen Holzrädern, keine Gummireifen. Der älteste noch mitfahrende Wagen, ein Truhenwagen, stammt aus dem Jahr 1785.
In Bad Tölz ist Leonhardi ein Stadtfeiertag. Schulen und viele Geschäfte bleiben geschlossen, damit alle dabei sein können.
Die erste Tölzer Leonhardifahrt soll 1772 stattgefunden haben, in der heutigen Form besteht sie seit 1856. 2016 wurde sie als immaterielles Kulturerbe Bayerns anerkannt und in das bundesweite Verzeichnis der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen, ausdrücklich auch für die Maßnahmen, die das Fest vor einer reinen Touristenveranstaltung schützen. Die älteste Leonhardifahrt Bayerns lässt sich übrigens noch weiter zurück datieren, auf das Jahr 1442 in Kreuth am Tegernsee.
Was Leonhard im Herbst ist, ist der Heilige Georg im Frühjahr. Der Georgiritt findet traditionell am Ostermontag statt, ebenfalls als Pferdeprozession und Segnung. Bekannt sind unter anderem der Georgiritt in Traunstein, dort verbunden mit einem Schwerttanz, und der Ritt nach Ettendorf. Leonhardi und Georgiritt rahmen so das landwirtschaftliche Jahr ein: die Bitte im Frühjahr, der Dank im Herbst.
Die Leonhardifahrt zeigt, dass Brauchtum nicht Unterhaltung sein muss, um zu funktionieren. Sie ist Glaubensbekenntnis, Standesfest und Familienangelegenheit zugleich, und gerade weil sie sich nicht zur Show machen lässt, bleibt sie stark.
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