Wer das Münchner Brauchtum verstehen will, muss vier historische Schichten lesen können. Die meisten Bräuche, die heute lebendig sind, gehen auf eine dieser Schichten zurück, und einige tragen Spuren von allen vier.
Mittelalter: das Marktrecht
Die älteste Schicht ist wirtschaftlich. 1310 wird im Satzungsbuch der Stadt erstmals ein Jakobimarkt erwähnt, der Vorläufer der heutigen Auer Dult. Marktrechte waren in mittelalterlichen Städten begehrte Privilegien, oft kirchlich gerahmt und an Heiligenfeste gekoppelt. Aus solchen Tagen entstanden über die Jahrhunderte feste Marktbräuche, die bis heute fortleben.
Frühe Neuzeit: der katholische Festkalender
Mit der Konfessionalisierung nach der Reformation blieb Altbayern katholisch. Das ist eine der wichtigsten Weichenstellungen für das Brauchtum der Region. Der katholische Festkalender ist dichter besetzt als der protestantische, mit Heiligentagen, Prozessionen und Pferdesegnungen wie der Leonhardifahrt, deren älteste Variante in Kreuth bereits 1442 bezeugt ist. Aus dieser Zeit stammt auch die Verbindung von Fastenzeit und Starkbier: Die Paulanermönche brauten ihren Salvator als geistliches Nahrungsmittel, bevor er 1780 zum öffentlichen Ausschank freigegeben wurde. Mehr dazu unter Starkbierzeit.
19. Jahrhundert: die romantische Wiederfindung
Das 19. Jahrhundert ist die Schicht, die am meisten missverstanden wird. Vieles, das heute uralt aussieht, wurde damals erst erfunden oder neu zusammengesetzt. Das gilt für die Tracht, deren bürgerliche Form sich erst in dieser Zeit verfestigt. Es gilt für die Gründung der ersten Trachtenvereine. Es gilt für den Kocherlball, der um 1880 als Treffen der Dienstboten entsteht. Und es gilt für das Oktoberfest, das 1810 mit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Therese seinen Anfang nimmt.
Das 19. Jahrhundert hat das bayerische Brauchtum nicht bewahrt. Es hat es zu großen Teilen erst erfunden, und sich dabei auf eine angebliche Vergangenheit berufen, die so nie existiert hat.
20. Jahrhundert: Verbot, Krieg, Rückholung
Das 20. Jahrhundert ist die Schicht der Brüche und Wiederbelebungen. 1904 wird der Kocherlball aus Mangel an Sittlichkeit verboten und verschwindet für 85 Jahre. 1942 endet die Tölzer Leonhardifahrt im Krieg vorübergehend. Nach 1945 muss vieles neu zusammengetragen werden. Das Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg etabliert sich in der heutigen Form ab den 1950er Jahren, der Kocherlball kehrt 1989 zurück, zum zweihundertjährigen Bestehen des Englischen Gartens. Die meisten Bräuche, die heute selbstverständlich erscheinen, sind ältere oder jüngere Rückholungen, nicht ungebrochene Fortsetzungen.
Was daraus folgt
Diese vier Schichten erklären die wichtigste Eigenschaft des Münchner Brauchtums: seine Mischung aus echt Altem und behauptetem Alter. Der Markt von 1310 ist real, die Pestlegende des Schäfflertanzes nicht. Die Pferdesegnung in Kreuth 1442 ist real, das jahrhundertealte Bauerngewand des Dirndls nicht. Wer das auseinanderhält, schadet dem Brauch nicht. Er nimmt ihn ernst. Genau das ist die Haltung, in der dieses Archiv erzählt. Mehr dazu im Thema Mythos gegen Fakt.