Das Oktoberfest ist eines der wenigen großen Volksfeste, dessen Geburtsstunde sich auf den Tag genau benennen lässt. Es beginnt nicht mit einem alten Kult oder einem Heiligenfest, sondern mit einer dynastischen Hochzeit und dem Einfall der Münchner Bürgerschaft, dem Brautpaar zu Ehren ein Pferderennen auszurichten. Aus diesem einmaligen Anlass wurde eine jährliche Wiederholung, aus der Wiederholung ein Brauch und aus dem Brauch die Wiesn. Wer die Geschichte kennt, versteht auch das heutige Fest besser.
Die Hochzeit von 1810
Am 12. Oktober 1810 heiratete der bayerische Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die Vermählung wurde in München mit mehreren Tagen Festlichkeiten begangen. Den Abschluss bildete am 17. Oktober 1810 ein großes Pferderennen auf einer Wiese vor den Toren der Stadt. Es ging wesentlich auf das Bürgermilitär zurück, namentlich auf Major Andreas Michael Dall'Armi, der das Rennen als öffentliche Huldigung an das Brautpaar anregte.
Das Rennen fand solchen Anklang, dass eine Wiederholung im Folgejahr beschlossen wurde. König Max I. Joseph genehmigte sie. Ab 1811 wurde das Fest jährlich abgehalten, und aus dem einmaligen Ereignis wurde eine feste Einrichtung. Die Festwiese erhielt zu Ehren der Braut den Namen Theresienwiese, den die Münchner rasch zur Wiesn verkürzten.
Am Anfang stand kein uralter Brauch, sondern eine Hochzeit, ein Pferderennen und der Beschluss, es im nächsten Jahr wieder zu tun. Genau daraus wurde Tradition.
Der landwirtschaftliche Wurzelstrang
Von Beginn an trug das Fest zwei Gesichter. Neben dem Pferderennen richtete der Landwirtschaftliche Verein in Bayern ab 1811 das Central-Landwirtschaftsfest aus, mit Tierschauen, Prämierungen und der Vorstellung bäuerlicher Leistungen. Das Fest sollte nicht nur unterhalten, sondern auch den Fortschritt der bayerischen Landwirtschaft zeigen. Das Central-Landwirtschaftsfest findet bis heute alle paar Jahre parallel zur Wiesn statt und ist der zweite historische Wurzelstrang des Oktoberfests, neben dem königlichen Anlass von 1810.
Vom Pferderennen zum Volksfest
Über die Jahrzehnte wandelte sich der Schwerpunkt. Das namensgebende Pferderennen, einst das Herzstück, verlor an Bedeutung, während Bierausschank, Fahrgeschäfte und die großen Umzüge in den Vordergrund rückten. Regelmäßig geritten wurde das Rennen zuletzt 1938. Zu den Jubiläen 1960 und 2010 wurde es noch einmal wiederbelebt, danach blieb es aus. An seine Stelle traten die Elemente, die heute den Brauchtumskern bilden: der Einzug der Wirte, der Anstich, der große Trachten- und Schützenzug und das Standkonzert an der Bavaria.
Ebenfalls im 19. Jahrhundert verschob sich der Termin. Seit 1872 beginnt das Fest bereits im September, weil das Wetter dann milder und die Abende länger sind. Der Schlusssonntag blieb im Oktober. Diese Verschiebung ist der Grund für einen der hartnäckigsten Irrtümer rund um die Wiesn.
Mythos-Check
Oft heißt es, das Oktoberfest heiße so, weil es im Oktober stattfinde. Tatsächlich beginnt es seit 1872 im September, damit die milderen Spätsommertage und längeren Abende genutzt werden können. Der Name stammt vom ersten Fest 1810, das im Oktober lag, und er hält sich, weil der Schlusssonntag bis heute im Oktober bleibt. Wie sich solcher belegte Kern von der bloßen Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.