Die Bräuche der Raunächte
Räuchern. Der bekannteste Brauch ist das Ausräuchern von Haus, Stall und Hof. Mit Weihrauch, getrockneten Kräutern und Harzen wurde durch die Räume gegangen, um Krankheit und Unheil zu vertreiben und das Anwesen für das kommende Jahr zu segnen. Schon 1534 heißt es, es gebe zwischen Weihnachten und Dreikönig kein Haus, das nicht täglich Weihrauch in seiner Herberge mache. Aus diesem Räuchern leitet eine der Namensdeutungen die Rauhnacht ab.
Losnächte und Orakel. Die Raunächte galten als Zeit, in der die Zukunft lesbar wird. Aus dem Wetter der einzelnen Nächte wurde auf die Monate geschlossen, der sogenannte Zwiebelkalender diente der Wetterprognose. Unverheiratete deuteten Zeichen für den künftigen Partner. Zu Silvester gehörte lange das Bleigießen, aus dessen erstarrten Formen man Deutungen las.
Bleigießen, heute Wachsgießen. Der Verkauf von Bleigieß-Sets mit bleihaltigen Rohlingen ist seit April 2018 EU-weit eingeschränkt, weil das enthaltene Blei die Grenzwerte der Chemikalienverordnung deutlich überschreitet. An seine Stelle sind ungiftige Alternativen getreten, vor allem das Wachsgießen und Sets aus Zinn. Der Brauch lebt weiter, nur der Werkstoff hat sich geändert.
Ruhe und Arbeitsverbote. Die zwölf Nächte waren eine Zeit des Innehaltens. Spinnräder mussten weggeräumt werden, weiße Wäsche durfte nicht aufgehängt werden, und bestimmte Arbeiten galten als verboten. Wer sich nicht daran hielt, hatte nach dem Glauben Strafe zu erwarten, im Alpenraum durch Gestalten wie die Roggenmuhme, die faule Mägde heimsuchte.
Perchten und die wilde Jagd
Zum oberbayerischen und alpenländischen Winter gehören die Perchten. In den Raunächten überwachten sie nach dem Volksglauben die Einhaltung der Vorschriften und traten in doppelter Gestalt auf, als schöne und als schiache, also hässliche Perchten. Bis heute ziehen im Alpenraum lärmende, fellbekleidete und maskierte Perchtenläufe durch die Orte, um die dunkle Zeit zu vertreiben. Damit verbunden ist das alte Bild der wilden Jagd, eines geisterhaften Zuges, der in den Raunächten und besonders zu Silvester über das Land brausen soll. Beide Motive stehen für die durchlässige Grenze dieser Zeit, in der Dämonen und Verstorbene unterwegs gedacht wurden. Wo dieses Brauchtum in München und Oberbayern lebendig ist, sammelt die Übersicht der Orte.
Die Raunächte heute
In den vergangenen Jahrzehnten haben die Raunächte eine deutliche Wiederbelebung erfahren. Perchtenläufe ziehen wieder viele Zuschauer an, das Räuchern zwischen den Jahren ist populär geworden, und zahlreiche Ratgeber deuten die zwölf Nächte als Zeit der Besinnung und des Neuanfangs. Diese Wiederentdeckung mischt altes Brauchtum mit moderner, oft esoterischer Sinngebung. Das ist legitim, sollte aber nicht mit ungebrochener Überlieferung verwechselt werden. Wie sich der Brauch in den kirchlichen Jahreslauf einfügt, zeigt das Thema Kirchenjahr.