Um den 21. Juni steht die Sonne am höchsten, der Tag ist am längsten, die Nacht am kürzesten. Wenige Tage später, am 24. Juni, feiert die Kirche die Geburt Johannes des Täufers. In dieses schmale Fenster zwischen astronomischer Sonnwende und christlichem Festtag fallen die Sommerfeuer: Sonnwendfeuer und Johannifeuer, in Bayern und im Alpenraum oft gleichbedeutend gebraucht. Sie sind einer der sichtbarsten Sommerbräuche der Region und zugleich einer der am häufigsten falsch erzählten.
Der belegte Kern
Die Sommersonnenwende ist ein astronomisches Ereignis und liegt je nach Jahr zwischen dem 20. und 22. Juni. Sie markiert den längsten Tag und den Beginn des kalendarischen Sommers. Der Johannistag dagegen ist ein fester kirchlicher Feiertag am 24. Juni, das Fest der Geburt Johannes des Täufers. Sein Datum wurde nach dem Lukasevangelium berechnet, sechs Monate vor Weihnachten, sodass sich der längste Tag im Jahr und der kürzeste, die Geburt Christi zur Wintersonnenwende, gegenüberstehen.
Die Feuer selbst sind gut belegt, wenn auch später, als viele denken. Johannisfeuer sind seit dem 12. Jahrhundert schriftlich bezeugt und ab dem 14. Jahrhundert häufig dokumentiert. Sie galten als Schutz gegen Unheil, sollten Krankheit und Hagel abwehren und wurden vielerorts kirchlich gesegnet. Aus diesem festen mittelalterlichen Bestand hat sich der Brauch bis heute gehalten.
Bergfeuer im Alpenraum
Am eindrucksvollsten sind die Feuer dort, wo man sie weithin sieht: an den Hängen und auf den Gipfeln der Alpen und des Voralpenlandes. Rund um die Sonnwende werden Höhenfeuer entzündet, die von Tal zu Tal grüßen. Vielerorts legen die Beteiligten die Feuer so an, dass sie Zeichen bilden, Kreuze, Herzen oder Schriftzüge, die als glühende Muster im Dunkel stehen. Bekannte Kulissen sind die Berge rund um die Zugspitze und der Wilde Kaiser, wo sich an lauen Juniabenden viele Menschen zum Zuschauen versammeln.
In Oberbayern und im angrenzenden Tirol gehört das Bergfeuer fest zum Sommerbrauchtum. Im benachbarten Südtirol hat sich daraus mit den Herz-Jesu-Feuern eine eigene Form entwickelt, die auf einen Schwur des Landes gegen Ende des 18. Jahrhunderts während der Napoleonischen Kriege zurückgeht und stark christlich geprägt ist. Sie zeigt, wie beweglich der Anlass ist: Aus dem Sommerfeuer werden je nach Region und Zeit sehr verschiedene Bräuche.
Das Feuer auf dem Berg ist kein Museumsstück, sondern ein Gruß von Hang zu Hang, den jede Generation neu entzündet.
Der Feuersprung und das Johanniskraut
Rund um das Sommerfeuer haben sich kleinere Bräuche gehalten. Der bekannteste ist der Feuersprung: Wer über die niedrig gewordenen Flammen springt, so die alte Vorstellung, reinige sich und schütze sich vor Krankheit. Ernst gemeint war das früher, heute ist es meist Mutprobe und Spiel. Dazu kommt das Johanniskraut, das um den Johannistag blüht und dem seit jeher besondere Heilkraft zugeschrieben wurde. Das Sammeln von Kräutern am Johannistag gehörte zu den festen Begleitbräuchen, ebenso wie kleine Wetter- und Erntezeichen, die man aus der Johannisnacht las.
Mythos-Check
Oft heißt es, das Sonnwendfeuer sei ein uralter germanischer Kult, den die Kirche nur überdeckt habe. Für einen solchen durchgehenden Sonnwendkult gibt es jedoch keine Quellen. Die frühesten Nachweise für vergleichbare Feuerbräuche stammen aus dem hohen Mittelalter und stehen in kirchlichem Zusammenhang. Die Deutung als altgermanisch entstand erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aus dem Bedürfnis nach nationaler Vorgeschichte, und wurde in der NS-Zeit gezielt ausgebaut. Der Brauch ist echt und alt, seine germanische Herkunft aber ist Zuschreibung, nicht Beleg. Wie sich solcher Kern von der Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.