Ein Fremder, der zum ersten Mal ein Münchner Wirtshaus betritt und mit Grüß Gott empfangen wird, hört keinen bloßen Gruß, sondern einen alten Segenswunsch. Genauso verhält es sich mit der ganzen Mundart: Was nach gemütlichem Tonfall klingt, ist in Wahrheit eine eigenständige, uralte Sprachform. Die bairische Sprache ist das lebendige Fundament, auf dem fast alles Brauchtum dieser Seite ruht, vom Gruß am Kirchweihtag bis zum Zuruf beim Tanz.
Bairisch, nicht bayerisch
Der erste Schritt zum Verständnis ist ein einziger Buchstabe. Bairisch mit i bezeichnet den Dialekt und die Sprachgruppe. Bayerisch mit y bezieht sich auf den Freistaat Bayern als politisches Staatsgebiet. Das ist keine Haarspalterei, denn beide decken sich nicht. Im Freistaat werden auch Schwäbisch und Fränkisch gesprochen, die keine bairischen Mundarten sind. Umgekehrt reicht das Bairische weit über die Landesgrenze hinaus, bis tief nach Österreich und Südtirol.
Verbreitet ist das Bairische in Altbayern, also in Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz, in fast ganz Österreich mit Ausnahme Vorarlbergs, in Südtirol sowie in einigen versprengten Sprachinseln. Mit rund zwölf bis dreizehn Millionen Sprechern ist es das größte zusammenhängende Dialektgebiet des deutschen Sprachraums. Die Sprachwissenschaft gliedert es in drei Räume: Nordbairisch in der Oberpfalz, Mittelbairisch entlang der Donau und im Raum München und Wien, sowie Südbairisch in Tirol, Kärnten und Teilen der Steiermark.
Ein Buchstabe trennt das Land vom Klang: bayerisch ist der Staat, bairisch die Sprache. Wer beides verwechselt, verkennt, dass der Dialekt älter ist als jede Grenze.
Der Gruß als Segenswunsch
Nirgends zeigt sich die bairische Sprache alltäglicher als in ihren Grußformeln. Das Grüß Gott ist die Kurzform von es grüße dich Gott und war ursprünglich ein Segenswunsch, denn im Mittelhochdeutschen bedeutete grüßen zugleich segnen. Wer heute Grüß Gott sagt, meint meist schlicht guten Tag, trägt aber unbewusst einen frommen Wunsch weiter. Gesprochen wird er im ganzen oberdeutschen Raum, oft verschliffen zu Griaß di oder in der Mehrzahl Griaß eich.
Das Servus ist der jüngere, lockerere Bruder. Es stammt aus dem Lateinischen, wo servus Diener oder Sklave heißt, und geht auf die höfliche Wendung dein gehorsamster Diener zurück. Man verwendet es unter Bekannten und Freunden, und zwar sowohl zur Begrüßung als auch zum Abschied. Zum Abschied kennt das Bairische außerdem das Pfiat di, aus behüte dich Gott, und die feierlichere Wendung Habedehre, von habe die Ehre, die einst Respekt vor einem Höhergestellten ausdrückte.
Mythos-Check
Zwei Irrtümer halten sich hartnäckig. Erstens die Verwechslung von bairisch und bayerisch: Das eine ist die Sprache, das andere der Staat, und sie decken sich nicht. Zweitens die Streitfrage, ob Bairisch eine eigene Sprache oder nur ein Dialekt sei. Sauber eingeordnet ist beides ein Stück weit richtig. Es ist ein eigenständiger, nie zur Schriftsprache normierter Dialektverbund innerhalb des Deutschen. Die Internationale Organisation für Normung führt es mit dem Code bar als eigene Sprachvariante, die UNESCO nahm es 2009 in ihren Atlas der gefährdeten Sprachen auf. Eine amtliche Schriftsprache mit fester Rechtschreibung ist Bairisch aber nicht. Wie sich solche Zuschreibungen prüfen lassen, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.