Auf keinem Volksfest fehlt sie, und über kaum etwas wird so viel Halbwissen weitergegeben: die Tracht. Zwischen dem Kaufhaus-Dirndl und der handgenähten Miesbacher Festtagstracht liegt ein weites Feld, und dazwischen liegen zwei Jahrhunderte Geschichte. Diese Seite trennt das Gewachsene vom Erfundenen. Sie erklärt die Teile, ihre Herkunft und die Vereine, die das Ganze zusammenhalten, und sie räumt am Ende mit der bekanntesten Trachtenlegende auf.
Das Dirndl und seine Teile
Das Wort Dirndl leitet sich von Dirn ab, der Magd, und verweist damit auf seinen Ursprung als ländliches Arbeitskleid. Um 1900 entdeckte das städtische Bürgertum das Kleid als Sommermode in den Kurorten und Ferienregionen der Alpen, und aus der Arbeitskleidung wurde ein modisches Kleidungsstück, das sich rasch über Bayern hinaus verbreitete.
Ein Dirndl besteht aus vier Teilen. Das Mieder umschließt den Oberkörper und wird vorne geschnürt oder geschlossen. Darunter oder darüber sitzt die Bluse, meist kurz geschnitten. Daran schließt der weite, gereihte Rock an. Und über den Rock kommt die Schürze, die vorne gebunden wird. Diese vier Teile, Mieder, Bluse, Rock und Schürze, bilden bis heute die Grundform, ob als schlichtes Alltagsdirndl oder als aufwendiges Festkleid.
Die Lederhose als Arbeitskleidung
Die Lederhose ist kein Kostüm, sondern hat einen sehr handfesten Ursprung. Im 18. Jahrhundert trugen Bauern, Holzknechte und Jäger im Alpenraum Hosen aus Leder, weil dieses strapazierfähiger war als Stoff und besser gegen Nässe, Risse und harte Arbeit schützte. Bevorzugt wurde weiches Hirschleder. Erst später stieg die Lederhose von der Arbeits- zur Festtagskleidung auf.
Zwei Grundformen haben sich herausgebildet. Die Kurze, die bis über das Knie reicht und beim Arbeiten und Bergsteigen bequem ist, prägt das bayerische Bild. Die Kniebundhose, die unter dem Knie geschlossen wird, ist in Tirol und in kühleren Lagen verbreiteter. Gute Lederhosen werden über Jahre getragen, bekommen eine dunkle Patina und werden oft an die nächste Generation weitergegeben, was ihren Wert als Erbstück ausmacht.
Das Charivari
Das Charivari ist die silberne Kette, die quer über die Latzhose oder am Dirndl getragen wird und beim Gehen leise klingt. Der Name geht auf das französische charivari zurück, das Lärm oder Durcheinander bedeutet, und spielt auf genau dieses Klingen der Anhänger an. Ursprünglich war das Charivari eine praktische Uhrkette an der Weste, an der die Taschenuhr befestigt wurde.
Im 19. Jahrhundert wurde aus dem Gebrauchsstück ein Schmuck- und Statussymbol. An die Kette kamen Silbertaler und Münzen, Jagdtrophäen wie Grandeln und Hauer, Amulette und kleine Figuren. Jeder Anhänger konnte für ein Ereignis, eine Jagd oder ein Erbstück stehen, und so erzählt ein altes Charivari die Geschichte seines Trägers.
Eine Tracht war nie bloß Kleidung. Sie zeigte Herkunft, Stand und Anlass, lange bevor irgendjemand eine Schleife nach links oder rechts band.
Mythos-Check
Die berühmteste Trachtenregel lautet, die Schürzenschleife verrate den Beziehungsstatus: links ledig, rechts vergeben, hinten Witwe oder Bedienung, vorne mittig Jungfrau. So griffig das klingt, so wenig ist es alte Tradition. Die Regel ist eine junge, nicht historisch verbürgte Konvention, die erst im Zuge der modernen Dirndl-Mode populär wurde und längst nicht überall gilt. Wer sich darauf verlässt, deutet oft ins Leere. Wie sich solcher Kern von der Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.