Am ersten Samstag der Wiesn gehört der Vormittag den Wirten. Lange bevor um zwölf Uhr das erste Fass angestochen wird, formiert sich rund um die Sonnenstraße ein Zug aus festlich geschmückten Kutschen, hoch beladenen Bierwagen und blank geputzten Prachtgespannen. Gegen 10:45 Uhr setzt er sich in Bewegung, an der Spitze das Münchner Kindl hoch zu Ross. Der Einzug der Wiesnwirte und Brauereien ist das erste große Bild des Oktoberfests, und eines seiner ältesten Rituale.
Was an diesem Vormittag geschieht
Der Einzug ist kein bloßer Festumzug, sondern die Überführung der Wirte in ihre Zelte. Jede der sechs Münchner Traditionsbrauereien und jeder Festwirt fährt mit eigenem Gespann und eigener Kapelle zur Theresienwiese. Die Wirtsfamilien sitzen auf den geschmückten Kutschen, die Bedienungen ziehen in Tracht mit, dazwischen die Prunkwagen der Brauereien mit ihren Bierfässern. Rund 1000 Menschen gehören zum Zug, dazu die schweren Kaltblüter, die die Wagen ziehen.
Die Aufstellung liegt zwischen Sendlinger Tor und Stachus an der Sonnenstraße. Von dort führt der Weg über die Schwanthalerstraße und den Bavariaring auf die Theresienwiese und in die Wirtsbudenstraße. Gegen 11:30 Uhr sind die Wirte an ihren Zelten angekommen, gerade rechtzeitig, bevor der Oberbürgermeister im Schottenhamel-Zelt zum Hammer greift. An der Spitze reitet das Münchner Kindl, ihm folgt der Oberbürgermeister in der Kutsche der Wirtsfamilie Schottenhamel.
Herkunft: eine Reklamefahrt von 1879
Der Ursprung des Einzugs ist eine Werbeidee. 1879 fuhr der Münchner Wirt und Kraftmensch Hans Steyrer mit einem festlich geschmückten Viergespann zu seiner Bierbude auf der Wiesn, um Aufmerksamkeit für seinen Ausschank zu erregen. Die Rechnung ging auf, und andere Wirte zogen nach. 1894 brachte der Brauer Georg Pschorr das reich verzierte, klingelnde Zaumzeug nach Wiener Vorbild nach München, das die Prachtgespanne bis heute prägt.
Ein gemeinsamer Zug mehrerer Wirte und Brauereien ist erstmals für das Jahr 1925 belegt, damals mit Löwen-, Pschorr- und Thomasbräu. In den 1930er Jahren wurde die Teilnahme verbindlich, seither eröffnet der Einzug das Fest offiziell. Die sechsspännigen Gespanne, die heute selbstverständlich wirken, gehen auf 1956 zurück, als Wiesnwirt Xaver Heilmannseder erstmals mit sechs Pferden auffuhr und die Brauereien nachzogen.
Der Einzug erzählt die Wiesn im Kleinen: erst die Werbefahrt eines einzelnen Wirts, dann der geordnete Zug einer ganzen Zunft, am Ende ein Brauch, den die Stadt jedes Jahr erwartet.
Zwei Umzüge, nicht zu verwechseln
Der Einzug der Wiesnwirte am ersten Samstag wird gern mit dem großen Trachten- und Schützenzug am ersten Sonntag verwechselt. Beide organisiert der Festring München, doch sie sind verschieden. Der Wirteeinzug ist der kürzere Zug der Festwirte und Brauereien zur Eröffnung. Der Trachten- und Schützenzug am Tag darauf ist mit rund neuntausend Teilnehmern über sieben Kilometer der weit größere, historische Umzug. Wer die Wiesn von Anfang an erleben will, sieht am Samstag den Einzug und am Sonntag den Trachtenzug.
Mythos-Check
Oft heißt es, den Einzug habe es schon immer gegeben oder er gehe auf das erste Oktoberfest von 1810 zurück. Das stimmt nicht. Der Brauch beginnt 1879 als Reklamefahrt eines einzelnen Wirts, wird erst 1925 als gemeinsamer Zug greifbar und in den 1930er Jahren zur Pflicht. Er ist also gut ein Jahrhundert jünger als das Fest selbst. Wie sich solcher Kern von der Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.