Punkt zwölf am ersten Wiesn-Samstag hält eine ganze Stadt kurz den Atem an. Im Schottenhamel-Festzelt greift der Münchner Oberbürgermeister zum Holzhammer, treibt den Zapfhahn ins erste Fass und ruft O'zapft is. Erst dieser eine Anstich gibt den Ausschank auf dem ganzen Festgelände frei. Kein Bierpreis, keine Attraktion, kein Zelt zählt vorher. Der Anstich ist der Moment, in dem das Fest beginnt.
Der Ablauf, Schritt für Schritt
Um Punkt 12 Uhr sticht der amtierende Oberbürgermeister im Schottenhamel-Zelt das erste Fass an, im Idealfall mit möglichst wenigen Schlägen. Sitzt der Zapfhahn und läuft das Bier, ruft er O'zapft is, meist mit dem Zusatz Auf eine friedliche Wiesn. Dann fallen vor der Bavaria zwölf Böllerschüsse. Sie sind das Signal an alle anderen Festzelte, dass nun ausgeschenkt werden darf. Vor dem Anstich bleibt jeder Krug leer, das ist die eiserne Regel des Auftakts.
Die erste gezapfte Maß überreicht der Oberbürgermeister traditionell dem bayerischen Ministerpräsidenten. Diese Geste ist keine uralte Sitte, sondern geht auf das Jahr 1980 zurück, als Ministerpräsident Franz Josef Strauß sie einführte. Angezapft wird seit 1952 das Bier der Spatenbrauerei, deren Zelt der Wirt Schottenhamel bespielt.
Der Anstich verwandelt Vorbereitung in Fest. Bis zum letzten Schlag ist die Wiesn nur ein Platz voller Zelte, danach ist sie die Wiesn.
Die Geschichte des Anstichs
Der Anstich in seiner heutigen Form ist jünger als das Fest selbst. Erst am 16. September 1950 führte Oberbürgermeister Thomas Wimmer den ersten offiziellen Fassanstich durch und eröffnete damit die Wiesn. Wimmer widmete den ersten Krug dem Oktoberfest und der Stadt München. Der Auftakt geriet allerdings mühsam: Der Oberbürgermeister brauchte 17 Schläge, bis das Bier floss. Seither ist der Anstich Sache des amtierenden Stadtoberhaupts, und seither wird mitgezählt.
Aus dieser ersten, holprigen Vorstellung ist ein fester Termin geworden, den ganz München und viele Kameras verfolgen. Das Schottenhamel-Zelt gilt seither als das Anstichzelt der Wiesn, in dem sich am Vormittag des ersten Samstags Politik, Prominenz und Presse versammeln.
Der Schläge-Rekord als Running Gag
Weil beim allerersten Mal gleich 17 Schläge nötig waren, wurde die Zahl der Schläge schnell zum sportlichen Maßstab. Je weniger, desto besser. Der Bestwert liegt bei zwei Schlägen und wird von den früheren Oberbürgermeistern Christian Ude und Dieter Reiter gehalten. Ein einzelner Schlag ist zwar denkbar, wäre aber ein kleines Wunder. Jedes Jahr fiebert die Menge mit, und die Zahl auf der Anzeigetafel ist längst ein liebevoll gepflegter Running Gag der Wiesn.
Mythos-Check
Gern wird erzählt, der Anstich sei eine jahrhundertealte Tradition, die bis zur Gründung 1810 zurückreiche. Das stimmt nicht. Der offizielle Anstich durch den Oberbürgermeister wurde erst 1950 eingeführt, das Fest selbst ist rund hundertvierzig Jahre älter. Ähnlich jung ist die erste Maß an den Ministerpräsidenten, eine Sitte von 1980. Wie sich belegter Kern von schöner Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.