Ein Todesfall betraf früher nicht nur eine Familie, sondern das ganze Dorf. Das Totenbrauchtum gab dem Abschied eine feste Ordnung: das Sterben im eigenen Haus, die Aufbahrung, die Totenwache, das Requiem, der Leichenschmaus und schließlich das lange Gedenken. Diese Seite beschreibt diese Bräuche als Teil des Lebenslaufs, sachlich und respektvoll, und trennt den belegten Kern von der nachträglichen Ausschmückung.
Der belegte Kern
In früherer Zeit starb man zu Hause. Zeichnete sich das Lebensende ab, wurde der Pfarrer gerufen, der dem Sterbenden die Krankensalbung spendete, die frühere letzte Ölung. Nachbarn und Verwandte beteten im Haus. Nach dem Tod wurde der Verstorbene gewaschen, angekleidet und aufgebahrt, ein kleines Kreuz zwischen die gefalteten Hände gelegt und ein Rosenkranz darum gewickelt. Die Aufbahrung im Haus dauerte gewöhnlich drei Tage.
Nachts hielten Nachbarn die Totenwache. Man betete gemeinsam den Rosenkranz für den Verstorbenen, danach saß man beisammen, ein oder zwei Personen wachten bis zum Morgen. Auf die Beisetzung folgte in der Kirche das Requiem, das Amt für den Toten, und danach der Leichenschmaus. Diese Abfolge aus Aufbahrung, Wache, Rosenkranz, Requiem und gemeinsamem Mahl bildet den belegten Kern des altbayerischen Totenbrauchtums.
Das Sterbebild als Andenken
Ein eigenes Andenken ist der Totenzettel, in Altbayern meist Sterbebildchen genannt. Der älteste erhaltene Totenzettel wurde 1663 in Köln gedruckt. Über das katholische Europa verbreitete sich der Brauch im 19. Jahrhundert und erreichte Bayern etwa 1840. Ab 1860 kamen eigene Sterbebilder mit Trauerrand auf, später Fotografien, in Bayern breit erst mit dem Ersten Weltkrieg, als Bilder gefallener Soldaten das Andenken an die in der Ferne Verstorbenen wach hielten.
Das Sterbebild nannte Name, Stand, Alter und Todesdatum und enthielt ein Gebet, oft mit einem Ablass verbunden. Man legte es als Merkzeichen ins Gebet- oder Gesangbuch, um im Gebet an den Toten zu erinnern. Viele Familien bewahrten ganze Sammlungen auf. Heute sind diese Bildchen eine wichtige Quelle für die Ahnenforschung.
Nicht der Tod stand im Mittelpunkt, sondern der Abschied, die Ordnung und der Trost der Gemeinschaft, die den Weg gemeinsam ging.
Zeichen in der Landschaft
Das Totengedenken blieb nicht auf Haus und Friedhof beschränkt, es prägte auch die Flur. Marterl, Feldkreuze und Wegkreuze stehen an Weg- und Feldrändern, oft an Kreuzungen. Das Wort Marterl geht über das bairische Marter auf das kirchenlateinische martyrium zurück, das Zeugnis durch Leid oder Tod. Ein Marterl ist ein religiöses Kleindenkmal, häufig ein Bildstock, und erinnert an einen Verstorbenen, einen Unglücksfall oder ein Gelübde. Das Feldkreuz trägt den Körper des gekreuzigten Christus, das Wegkreuz steht am Weg als Zeichen des Glaubens. Der Vorübergehende sollte innehalten, das Kreuzzeichen schlagen und ein kurzes Gebet sprechen.
Mythos-Check
Das Totenbrauchtum wird gern als lückenloser, uralter Kanon dargestellt. Belegt ist ein fester Kern: Aufbahrung, Totenwache mit Rosenkranz, Requiem, Leichenschmaus und das Gedenken an Allerseelen. Vieles andere, etwa das Anhalten der Uhr, das Verhängen der Spiegel oder das Ansagen des Todes bei den Bienenstöcken, ist regional sehr unterschiedlich überliefert und war nie überall üblich. Manches wurde erst spät aufgeschrieben. Wer genauer hinsieht, trennt den belegten Brauch von der späteren Ausschmückung. Für eine morbide Überhöhung gibt es keinen Grund, es ging um Abschied, Ordnung und Trost.