Brauchtum MünchenLebendige Tradition
Thema · Anerkennung und Belege

Immaterielles Kulturerbe

Welche Bräuche aus München und Oberbayern stehen wirklich in einem Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes? Diese Seite nennt nur die belegten Listungen, jeweils mit Verzeichnis und Aufnahmejahr, und ordnet ehrlich ein, was die Aufnahme bedeutet und was nicht.

GrundlageUNESCO 2003
VerzeichnisseLand und Bund
Gelistet hierSechs Traditionen
StandAugust 2026
Trachtenumzug mit Blasmusik in Lederhosen
Foto: inspirator / Pixabay

Immaterielles Kulturerbe meint nicht Steine und Mauern, sondern gelebte Praxis: Feste, Tänze, Prozessionen, Handwerk und das Wissen, wie man beides weitergibt. Damit ein Brauch als solches Erbe anerkannt wird, muss er in ein Verzeichnis aufgenommen werden. Für diese Seite gilt eine einfache Regel: Wir führen nur auf, was sich in einem offiziellen Verzeichnis belegen lässt, und nennen für jede Tradition, in welchem Verzeichnis sie steht und seit welchem Jahr.

Woher der Begriff kommt

Grundlage ist das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes von 2003. Deutschland ist ihm 2013 beigetreten. Das Übereinkommen zielt nicht auf einen Titel oder eine Rangliste, sondern auf Sichtbarkeit und Weitergabe: Lebendige Traditionen sollen dokumentiert, gewürdigt und in ihrer Pflege unterstützt werden. Wichtig ist der Unterschied zum älteren Welterbe-Übereinkommen von 1972, das ortsgebundene Denkmäler und Naturlandschaften schützt. Wer von immateriellem Kulturerbe spricht, meint die gelebte Kultur, nicht das Bauwerk.

Zwei Verzeichnisse, ein Weg

In Deutschland wird das immaterielle Kulturerbe auf mehreren Ebenen erfasst. Die Länder führen eigene Landesverzeichnisse, aus denen heraus Traditionen für das gemeinsame Bundesweite Verzeichnis vorgeschlagen werden. Das Bundesweite Verzeichnis wird von Bund und Ländern getragen und von der Deutschen UNESCO-Kommission fachlich betreut. Bayern hat sein Landesverzeichnis 2016 begonnen und trägt darin inzwischen mehr als hundert Einträge zusammen. Ein Eintrag im Landesverzeichnis ist der übliche erste Schritt, manche Traditionen stehen später zusätzlich im Bundesverzeichnis.

Was heißt Aufnahme konkret? Ein Fachgremium prüft eine Bewerbung darauf, ob eine Praxis von einer Gemeinschaft aktiv getragen, gepflegt und an die nächste Generation weitergegeben wird. Passt das, wird die Tradition eingetragen und öffentlich beschrieben. Die Aufnahme ist damit vor allem eine Würdigung und eine Dokumentation. Sie ist kein Denkmalschutz und keine Zusage von Fördergeld.

Ein eingetragener Brauch ist einer, den eine lebendige Gemeinschaft trägt. Nicht jeder berühmte Brauch ist eingetragen, und Eintragung macht keinen Brauch echter als den daneben.
Mythos-Check

Oft heißt es, eine Tradition sei jetzt UNESCO-Weltkulturerbe. Das ist fast immer falsch. Die Aufnahme in ein Landes- oder Bundesverzeichnis ist eine nationale Anerkennung, kein Welterbe-Titel und kein Eintrag auf einer internationalen UNESCO-Liste. Sie bringt auch keine automatische Förderung und keinen rechtlichen Schutz wie beim Denkmalschutz. Von den hier gelisteten Traditionen ist einzig die Flößerei, zu der die Passagierfloßfahrten auf der Isar gehören, tatsächlich auf einer internationalen UNESCO-Liste vertreten. Wie man solche Zuschreibungen sauber von der Legende trennt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.

Verifizierte Listungen

Gelistet aus München und Oberbayern

Isar und Loisach

Passagierfloßfahrten vom Oberland nach München

Die Floßfahrten auf Isar und Loisach vom Oberland bis nach München sind als lebendige Kulturform eingetragen. Sie führen eine jahrhundertealte Verkehrs- und Transportpraxis fort, heute als geführte Fahrten mit Musik. Als Teil der multinationalen Flößerei-Bewerbung stehen sie zudem seit 2022 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO, gemeinsam mit fünf weiteren Ländern.

Landesverzeichnis · 2020
Landkreis Ebersberg

Kirchseeoner Perchtenlauf

Der Perchtenlauf des Perschtenbunds Soj in Kirchseeon östlich von München geht auf die Mitte der 1950er Jahre zurück und hat viele weitere Perchtengruppen geprägt. Die maskierten Gestalten ziehen zwischen Advent und Dreikönig auf. Der Brauch steht seit 2022 im Bayerischen Landesverzeichnis und wurde 2024 zusätzlich ins Bundesweite Verzeichnis aufgenommen.

Landes 2022 · Bund 2024
Bad Tölz

Tölzer Leonhardifahrt

Am 6. November ziehen festlich geschmückte Wagengespanne zum Kalvarienberg, umrunden die Leonhardikapelle und empfangen den Segen für Ross und Reiter. Die Tölzer Leonhardifahrt ist eine der bekanntesten Leonhardifahrten Oberbayerns und seit 2016 im Bayerischen Landesverzeichnis eingetragen. Mehr zum Brauch steht bei der Leonhardifahrt.

Landesverzeichnis · 2016
Tegernseer Tal

Kreuther Leonhardifahrt

Auch die Leonhardifahrt in Kreuth am Tegernsee ist eingetragen, seit 2024 im Bayerischen Landesverzeichnis. Belegt seit dem Jahr 1599, zeichnet sie sich dadurch aus, dass die Pferde vom Sattel und nicht vom Wagen aus gelenkt werden. Wie sich die einzelnen Leonhardifahrten unterscheiden, zeigt unsere Seite zur Leonhardifahrt.

Landesverzeichnis · 2024
Chiemgau

Georgiritt und historischer Schwerttanz zu Traunstein

Am Ostermontag zieht der Georgiritt durch Traunstein, gefolgt vom historischen Schwerttanz auf dem Stadtplatz. Der Ritt ist seit 1762 belegt, der älteste örtliche Beleg für einen Schwerttanz reicht bis 1530 zurück. Die Tradition steht seit 2016 sowohl im Bayerischen Landesverzeichnis als auch im Bundesweiten Verzeichnis.

Landes und Bund · 2016
Ammergauer Alpen

Passionsspiele Oberammergau

Seit einem Pestgelübde von 1633 führt Oberammergau seine Passionsspiele in der Regel alle zehn Jahre auf, getragen von der gesamten Dorfgemeinschaft. Als weithin bekanntes Beispiel eines von der Gemeinschaft getragenen Laienspiels stehen die Passionsspiele seit 2014 im Bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Bundesverzeichnis · 2014

Was wir bewusst nicht aufführen

Zur Ehrlichkeit gehört, was fehlt. Einige oft genannte Bräuche haben wir geprüft und wieder gestrichen, weil sich für sie keine passende Listung belegen ließ. Der Münchner Schäfflertanz etwa ist ein prägender Stadtbrauch, steht aber nach unserer Prüfung weder im Bayerischen Landes- noch im Bundesverzeichnis. Wir führen ihn deshalb in unserer Sammlung, aber nicht in der Liste oben. Das Osterbrauchtum mit den geschmückten Osterbrunnen wiederum ist als Tradition vor allem der Fränkischen Schweiz zugeordnet, nicht Oberbayerns, weshalb es hier keinen münchennahen Eintrag ergibt. Und beim Fingerhakeln wie bei der Almwirtschaft ließ sich keine eindeutig oberbayerische Listung sauber belegen. Wo eine Zuordnung unsicher war, haben wir sie weggelassen, statt sie zu behaupten.

Bezug zur eigenen Sammlung

Viele der hier gelisteten Traditionen beschreiben wir ausführlich an anderer Stelle. Die Leonhardifahrt ordnet die verschiedenen oberbayerischen Umritte ein, vom Tölzer bis zum Kreuther. Der Beitrag zum Schäfflertanz erklärt einen Brauch, der zwar berühmt, aber eben nicht eingetragen ist, ein gutes Beispiel dafür, dass Bekanntheit und Listung zweierlei sind. Und wer wissen will, warum eine Eintragung nicht dasselbe ist wie ein Weltkulturerbe-Titel, findet die Einordnung im Thema Mythos gegen Fakt.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Was bedeutet die Aufnahme ins Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes?
Sie ist eine öffentliche Anerkennung und Dokumentation einer lebendigen kulturellen Praxis. Ein Fachgremium prüft, ob eine Tradition von einer Gemeinschaft getragen, weitergegeben und lebendig gepflegt wird. Die Aufnahme würdigt diese Praxis und macht sie sichtbar. Sie ist kein Denkmalschutz, kein Titel und keine Zusage von Geld.
Ist immaterielles Kulturerbe dasselbe wie ein UNESCO-Weltkulturerbe?
Nein. Das UNESCO-Welterbe beruht auf dem Übereinkommen von 1972 und betrifft ortsgebundene Denkmäler und Naturstätten, etwa Bauwerke oder Landschaften. Das immaterielle Kulturerbe beruht auf dem Übereinkommen von 2003 und betrifft gelebte Praktiken wie Feste, Tänze, Handwerk und Wissen. Ein Eintrag ins Landes- oder Bundesverzeichnis ist auch nicht automatisch ein Eintrag auf einer internationalen UNESCO-Liste.
Welche Traditionen aus München und Oberbayern sind gelistet?
Verifiziert gelistet sind unter anderem die Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach vom Oberland nach München (Landesverzeichnis 2020), der Kirchseeoner Perchtenlauf (Landesverzeichnis 2022, Bundesweites Verzeichnis 2024), die Tölzer Leonhardifahrt (Landesverzeichnis 2016), die Kreuther Leonhardifahrt (Landesverzeichnis 2024), der Georgiritt und historische Schwerttanz zu Traunstein (Landes- und Bundesverzeichnis 2016) und die Passionsspiele Oberammergau (Bundesweites Verzeichnis 2014).
Was ist der Unterschied zwischen dem Bayerischen Landesverzeichnis und dem Bundesweiten Verzeichnis?
Das Bayerische Landesverzeichnis wird vom Freistaat Bayern geführt und sammelt Traditionen aus Bayern. Das Bundesweite Verzeichnis wird von Bund und Ländern gemeinsam geführt und von der Deutschen UNESCO-Kommission fachlich betreut. Eine Tradition kann zuerst in ein Landesverzeichnis kommen und später zusätzlich ins Bundesverzeichnis vorgeschlagen werden.
Ist der Münchner Schäfflertanz immaterielles Kulturerbe?
Der Münchner Schäfflertanz ist ein bekannter und traditionsreicher Brauch, er steht nach unserer Prüfung aber weder im Bayerischen Landesverzeichnis noch im Bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Wir führen ihn deshalb hier nicht als gelistete Tradition, sondern nur in unserer eigenen Sammlung. Ein bekannter Brauch ist nicht automatisch ein eingetragener.
Belegt statt behauptet

Mythos gegen Fakt

Warum eine Eintragung ins Verzeichnis kein Weltkulturerbe-Titel ist und wie man beides auseinanderhält.

Lesen →
Stadtbrauch

Der Schäfflertanz

Ein berühmter Münchner Brauch, der zeigt, dass Bekanntheit und Eintragung zwei verschiedene Dinge sind.

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Umritt

Die Leonhardifahrt

Tölz und Kreuth stehen im Landesverzeichnis. Was die oberbayerischen Leonhardifahrten unterscheidet.

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Quellen

  1. ike.bayern.de, Bayerisches Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat, Einträge zu Passagierfloßfahrten auf Isar und Loisach (2020), Kirchseeoner Perchtenlauf (Landesverzeichnis 2022), Tölzer Leonhardifahrt (2016), Kreuther Leonhardifahrt (2024) und Georgiritt und historischer Schwerttanz zu Traunstein (2016).
  2. Bayerisches Landesportal bayern.de, Pressemitteilung vom 19. März 2024 zu 13 neuen Eintragungen im Landesverzeichnis, darunter die Kreuther Leonhardifahrt.
  3. Deutsche UNESCO-Kommission, Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes, Einträge zu den Passionsspielen Oberammergau (Aufnahmejahr 2014) und zum Kirchseeoner Perchtenlauf (Bundesverzeichnis 2024).
  4. Bayerisches Landesportal bayern.de, Pressemitteilung vom 1. Dezember 2022, UNESCO-Anerkennung der Flößerei auf der Repräsentativen Liste, multinationale Bewerbung von sechs Ländern, mit ausdrücklichem Bezug auf die Passagierfloßfahrten in Bayern.
  5. UNESCO, Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes von 2003, Beitritt Deutschlands 2013.

Stand August 2026. Alle Angaben ohne Gewähr. Verzeichnisse und Aufnahmejahre können sich durch neue Eintragungen ändern.