Brauchtum MünchenLebendige Tradition
Musik · Alpenland und Bayern

Bayerische Volksmusik

Von der leisen Stubnmusi bis zur Blaskapelle am Festplatz: Bayerische Volksmusik ist ein lebendiges Handwerk aus Melodien, Takten und Tänzen. Ihr eigenwilligstes Stück ist der Zwiefache, der zwischen Dreher und Walzer hin und her springt.

KernstückDer Zwiefache
BesetzungSaitenmusik
TänzeLandler, Boarischer
Kulturerbeseit 2016

Volksmusik ist kein Museumsstück. Sie wird gespielt, gesungen und getanzt, in der Wirtsstube, auf der Alm und beim Fest. Anders als der komponierte Schlager wächst sie aus der Gemeinschaft und wird von Hand zu Hand weitergegeben, oft ohne Noten. In Bayern und im angrenzenden Alpenland hat sich daraus ein reicher Bestand an Besetzungen, Tänzen und Formen erhalten. Diese Seite erklärt die wichtigsten davon, und sie zieht am Ende eine klare Grenze zur volkstümlichen Schlagermusik des Fernsehens.

Die Stubnmusi und ihr Klang

Der Begriff Stubnmusi oder Stubenmusik meint eine kleine, konzertant und leise gespielte Besetzung für den Innenraum. Der Name verweist auf die Stube, in der früher zu ungünstiger Jahreszeit musiziert wurde, während man an schönen Abenden vor dem Haus oder auf der Alm zusammensaß. Ihr Klang ist zurückhaltend, ein bewusster Gegenpol zur lauten Tanzmusik, die sich früher gegen den Lärm der Tänzer durchsetzen musste.

Prägend für die moderne Stubenmusik war das Tobi Reiser Quintett, das 1953 in Salzburg entstand und ausschließlich mit Saiteninstrumenten besetzt war: Zither, chromatisches Hackbrett, Harfe, Gitarre und ein gezupfter Kontrabass. Neu daran war, dass Hackbrett und Gitarre nun auch die Melodie führten, während sie vorher nur begleiteten. Bis heute bildet die Saitenmusik den Kern der Stubnmusi, ergänzt bei Bedarf um steirische Harmonika oder Geige.

Volksmusik lebt nicht vom Konzertsaal, sondern vom Weitergeben. Was keiner mehr spielt, ist keine Volksmusik mehr, sondern Archiv.

Der Zwiefache, das eigenwillige Kernstück

Das musikalisch reizvollste Stück der bayerischen Volksmusik ist der Zwiefache. Sein Kernmerkmal ist der unregelmäßige Wechsel zwischen zwei Taktarten: dem Dreher, einem schnellen Drehschritt, und dem Walzertakt im Dreivierteltakt. Mal folgen zwei Takte Dreher auf einen Walzer, mal umgekehrt, und diese Reihenfolge ist bei jedem einzelnen Stück eine andere. Tänzer und Musikanten müssen sie kennen oder aufeinander hören, sonst gerät der Tanz aus dem Tritt. Genau daher kommt der Name: zwiefach, also doppelt oder zweifach im Takt.

Der Zwiefache ist ein bayerisch-böhmisches Genre. Die älteste bayerische handschriftliche Quelle stammt aus dem Jahr 1740, der erste gedruckte Nachweis von 1825. Seit 2016 ist der Zwiefache als immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt. Man hört und tanzt ihn bis heute bei Festen, Feuerwehrfesten, Kirchweihen, Hochzeiten und Faschingsbällen.

Mythos-Check

Wer im Fernsehen Volksmusik in Lederhose und mit Synthesizer sieht, hält das leicht für die echte Tradition. Tatsächlich ist die volkstümliche Schlagermusik ein eigenes, kommerzielles Genre, das ab den späten 1980er Jahren populär wurde. Sie orientiert sich in Produktion und Aufbau am Popschlager, setzt elektronisches Schlagzeug und Synthesizer ein und ist bewusst für ein großes Publikum komponiert. Der Begriff selbst wurde nachträglich zu Vermarktungszwecken geprägt. Echte Volksmusik dagegen wird mündlich überliefert, wächst aus der Gemeinschaft und lebt von regionalen Stücken und Besetzungen. Beides zu verwechseln ist verständlich, aber falsch. Wie sich Kern und Legende trennen lassen, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.

Die Bausteine

Besetzungen, Tänze und Klänge

Die Besetzung

Stubnmusi und Saitenmusik

Die klassische Stubenmusik ist eine reine Saitenbesetzung: Zither, Hackbrett, Harfe, Gitarre und gezupfter Kontrabass. Sie spielt leise und konzertant für den Innenraum. Ergänzt wird sie je nach Anlass um steirische Harmonika oder Geige. Ihr Gegenstück im Freien ist die laute Tanz- und Blasmusik.

Saitenmusik
Das Kernstück

Der Zwiefache

Ein bayerisch-böhmischer Rundtanz, dessen Kern der unregelmäßige Wechsel von Dreher und Walzertakt ist. Die Abfolge der Taktarten ist bei jedem Stück anders und muss gekannt werden. Älteste bayerische Handschrift 1740, seit 2016 immaterielles Kulturerbe. Sein Name meint den doppelten, zweifachen Takt.

3/4 und 2/4
Der Tanz

Der Landler

Ein weit verbreiteter, ruhiger Paartanz im Dreivierteltakt mit gemächlicher Bewegung und heiterem Charakter. Oft begleitet ihn Gstanzlsingen, Jodeln, Klatschen oder Stampfen. Der Landler gehört zu den alten alpenländischen Formen und gilt gemeinhin als Vorläufer des Walzers.

Dreivierteltakt
Der Tanz

Der Boarische

Auch Bayrisch-Polka genannt, ein Paartanz im Zweivierteltakt. Er entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bayern und Österreich und ist mit dem Schottisch und dem Rheinländer verwandt. Getanzt werden Wechselschritte, schräg voneinander weg und wieder aufeinander zu.

2/4-Takt
Der Tanz

Die Polka

Eine schnelle Paartanzform im Zweivierteltakt böhmischen Ursprungs, die im 19. Jahrhundert ganz Europa erfasste und fester Teil des bayerischen Tanzbodens wurde. In der Volksmusik steht sie neben Landler, Boarischem und Walzer als eine der Grundformen für den geselligen Tanz.

2/4-Takt
Der Festklang

Blasmusik bei Festen

Draußen und bei großen Anlässen übernimmt die Blaskapelle. Mit Trompeten, Klarinetten, Flügelhörnern, Tuba und Schlagwerk trägt sie Märsche, Polkas und Walzer über den Festplatz. Sie prägt Volksfeste, Kirchweihen, Umzüge und Standkonzerte und ist der laute, öffentliche Gegenpol zur leisen Stubnmusi.

Bläser

Wo man die Musik heute hört

Volksmusik ist in München und Umland nicht ins Museum gewandert, sie klingt weiter. Man hört sie beim Aufspielen zum Tanz in Wirtshäusern und Trachtenheimen, bei Kirchweihen und Festen, auf der Oidn Wiesn und bei geselligen Tanzabenden der Vereine. Wer selbst tanzen lernen oder die Formen näher verstehen will, findet den Einstieg im Thema Musik und Tanz.

Ein besonders schönes Beispiel für gelebte Volksmusik im Freien ist der Kocherlball im Englischen Garten, bei dem im Morgengrauen zu Blas- und Tanzmusik gemeinsam getanzt wird. Getragen wird all das von Menschen: von Musikanten, Sängerinnen, Tanzlmeistern und Vereinen, die das Wissen weitergeben. Wer diese Trägerinnen und Träger sind, zeigt die Übersicht der Akteure.

Echt oder gemacht, eine ehrliche Einordnung

Die Grenze zwischen echter Volksmusik und volkstümlicher Schlagermusik verläuft nicht am Kostüm, sondern an der Herkunft der Stücke. Überliefertes Liedgut, regionale Besetzungen und das Aufspielen zum Tanz stehen auf der einen Seite. Für den Fernsehauftritt komponierte Titel mit Synthesizerklang und Massenpublikum stehen auf der anderen. Beides darf es geben, aber man sollte es nicht verwechseln. Diese Seite erzählt die erste Seite, die überlieferte Musik, so genau wie möglich und benennt den Rest als das, was er ist.

Selber tanzen

Musik und Tanz

Der Einstieg in die Tanzformen: Landler, Boarischer, Polka und Zwiefacher, und wo man sie lernt.

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Gelebt im Freien

Der Kocherlball

Tanz im Morgengrauen im Englischen Garten, zu Blas- und Tanzmusik unter freiem Himmel.

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Die Menschen

Die Akteure

Musikanten, Sänger und Vereine, die das Liedgut pflegen und von Hand zu Hand weitergeben.

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Quellen

  1. Deutsche UNESCO-Kommission, Eintrag Zwiefacher im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes, zu Taktwechsel von Dreher und Walzer, Anerkennung 2016, ältester Quelle 1740 und gedrucktem Nachweis 1825.
  2. Wikipedia, Artikel Stubenmusik, zu Besetzung mit Zither, Hackbrett, Harfe, Gitarre und Kontrabass sowie zum Tobi Reiser Quintett von 1953.
  3. Wikipedia, Artikel Bayrisch-Polka, zum Boarischen als Paartanz im Zweivierteltakt, Entstehung und Verwandtschaft mit Schottisch und Rheinländer.
  4. Österreichisches Musiklexikon, Artikel Volkstümlicher Schlager, zur Abgrenzung von echter Volksmusik.
  5. Chiemsee-Alpenland Tourismus, Bayerische Volkstänze, zum Landler als ruhigem Paartanz mit Gstanzlsingen und Jodeln.

Stand August 2026. Alle Angaben ohne Gewähr.