Volksmusik ist kein Museumsstück. Sie wird gespielt, gesungen und getanzt, in der Wirtsstube, auf der Alm und beim Fest. Anders als der komponierte Schlager wächst sie aus der Gemeinschaft und wird von Hand zu Hand weitergegeben, oft ohne Noten. In Bayern und im angrenzenden Alpenland hat sich daraus ein reicher Bestand an Besetzungen, Tänzen und Formen erhalten. Diese Seite erklärt die wichtigsten davon, und sie zieht am Ende eine klare Grenze zur volkstümlichen Schlagermusik des Fernsehens.
Die Stubnmusi und ihr Klang
Der Begriff Stubnmusi oder Stubenmusik meint eine kleine, konzertant und leise gespielte Besetzung für den Innenraum. Der Name verweist auf die Stube, in der früher zu ungünstiger Jahreszeit musiziert wurde, während man an schönen Abenden vor dem Haus oder auf der Alm zusammensaß. Ihr Klang ist zurückhaltend, ein bewusster Gegenpol zur lauten Tanzmusik, die sich früher gegen den Lärm der Tänzer durchsetzen musste.
Prägend für die moderne Stubenmusik war das Tobi Reiser Quintett, das 1953 in Salzburg entstand und ausschließlich mit Saiteninstrumenten besetzt war: Zither, chromatisches Hackbrett, Harfe, Gitarre und ein gezupfter Kontrabass. Neu daran war, dass Hackbrett und Gitarre nun auch die Melodie führten, während sie vorher nur begleiteten. Bis heute bildet die Saitenmusik den Kern der Stubnmusi, ergänzt bei Bedarf um steirische Harmonika oder Geige.
Volksmusik lebt nicht vom Konzertsaal, sondern vom Weitergeben. Was keiner mehr spielt, ist keine Volksmusik mehr, sondern Archiv.
Der Zwiefache, das eigenwillige Kernstück
Das musikalisch reizvollste Stück der bayerischen Volksmusik ist der Zwiefache. Sein Kernmerkmal ist der unregelmäßige Wechsel zwischen zwei Taktarten: dem Dreher, einem schnellen Drehschritt, und dem Walzertakt im Dreivierteltakt. Mal folgen zwei Takte Dreher auf einen Walzer, mal umgekehrt, und diese Reihenfolge ist bei jedem einzelnen Stück eine andere. Tänzer und Musikanten müssen sie kennen oder aufeinander hören, sonst gerät der Tanz aus dem Tritt. Genau daher kommt der Name: zwiefach, also doppelt oder zweifach im Takt.
Der Zwiefache ist ein bayerisch-böhmisches Genre. Die älteste bayerische handschriftliche Quelle stammt aus dem Jahr 1740, der erste gedruckte Nachweis von 1825. Seit 2016 ist der Zwiefache als immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt. Man hört und tanzt ihn bis heute bei Festen, Feuerwehrfesten, Kirchweihen, Hochzeiten und Faschingsbällen.
Mythos-Check
Wer im Fernsehen Volksmusik in Lederhose und mit Synthesizer sieht, hält das leicht für die echte Tradition. Tatsächlich ist die volkstümliche Schlagermusik ein eigenes, kommerzielles Genre, das ab den späten 1980er Jahren populär wurde. Sie orientiert sich in Produktion und Aufbau am Popschlager, setzt elektronisches Schlagzeug und Synthesizer ein und ist bewusst für ein großes Publikum komponiert. Der Begriff selbst wurde nachträglich zu Vermarktungszwecken geprägt. Echte Volksmusik dagegen wird mündlich überliefert, wächst aus der Gemeinschaft und lebt von regionalen Stücken und Besetzungen. Beides zu verwechseln ist verständlich, aber falsch. Wie sich Kern und Legende trennen lassen, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.