Wenn die Felder abgeerntet sind und das Oktoberfest seinem Ende zugeht, feiern die Pfarreien in München und im Umland Erntedank. Es ist eines der ältesten Feste überhaupt, gefeiert in fast allen Kulturen und zu allen Zeiten, und im Kern eine schlichte Geste: der Dank dafür, dass die Ernte eingebracht ist und dass das eigene Wohlergehen nicht allein in der eigenen Hand liegt. Diese Seite erzählt, wie das Fest heute gefeiert wird, was echt daran ist und was ihm oft angedichtet wird.
Sinn des Fests
Erntedank ist ein Dankfest. Nach der Getreide- und Obsternte danken die Gläubigen für die Gaben der Schöpfung und für ein gutes Erntejahr. Das Fest hat vorchristliche Wurzeln, es gab Erntefeste schon im vorchristlichen Nordeuropa, in Israel, Griechenland und im Römischen Reich. In der christlichen Kirche ist ein Dank für die Ernte seit dem dritten Jahrhundert belegt. Zugleich ist der Gedanke bis heute nicht auf ein biblisches Ereignis zurückzuführen, das Fest ist gewachsen, nicht gestiftet.
Getragen wird Erntedank vom Zusammenspiel zweier Welten: der kirchlichen und der ländlichen. In der Stadt organisieren die Pfarreien den Dankgottesdienst und den Erntedankaltar, auf dem Land kommen Bauernfamilien, Landfrauen und oft Trachten- oder Burschenvereine hinzu, die Krone und Gaben stellen. Beide Stränge treffen sich am selben Sonntag in der Kirche.
Ein Fest ohne festes Datum
Anders als Weihnachten oder Ostern hat Erntedank kein einheitlich vorgeschriebenes Datum. Die Deutsche Bischofskonferenz legte 1972 den ersten Sonntag im Oktober fest, ohne diese Festlegung für alle Gemeinden verbindlich auszusprechen. Auf evangelischer Seite wird derselbe Termin seit 1985 empfohlen. Früher war vielerorts der Michaelistag am 29. September oder der Sonntag danach üblich. 2026 fällt der erste Sonntag im Oktober auf den 4. Oktober, zugleich der erste Sonntag nach Michaelis, weshalb beide Konfessionen in diesem Jahr am selben Tag feiern.
Die genaue Wahl bleibt am Ende der einzelnen Pfarrei überlassen. Manche Gemeinden feiern früher, wenn die Ernte es hergibt, andere binden das Fest an ein Patrozinium oder an ein Dorffest. Ein bundesweiter gesetzlicher Feiertag ist Erntedank nicht.
Der Dank für die Ernte ist älter als jede Kirche, die ihn feiert, und schlichter als jedes Fest, das aus ihm geworden ist.
Nähe zum Oktoberfest
In München fällt Erntedank in die letzten Tage der Wiesn oder unmittelbar danach. Das ist kein Zufall, beide gehören in den Reigen der Herbstfeste, die das Ende des bäuerlichen Arbeitsjahres markieren. Wo die Theresienwiese das laute, städtische Volksfest feiert, bleibt Erntedank das leise Gegenstück in den Pfarrkirchen der Stadtviertel und der Umlandgemeinden. Wer den bäuerlichen Ursprung des Herbstes sucht, findet ihn eher am Erntedankaltar als im Bierzelt.
Mythos-Check
Oft wird Erntedank für einen alten, festgefügten Feiertag mit klarem Datum gehalten, gern in einem Atemzug mit dem amerikanischen Thanksgiving genannt. Tatsächlich gibt es in Deutschland kein gesetzliches Datum, und der Termin am ersten Sonntag im Oktober ist erst 1972 katholisch und 1985 evangelisch als Empfehlung entstanden. Auch offizieller Bestandteil des katholischen Kirchenjahres ist Erntedank bis heute nicht. Die heutige Form ist also stärker kirchlich geordnet und jünger, als der volkstümliche Eindruck vermuten lässt. Wie sich solcher Kern von der Legende trennen lässt, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.