Traunstein
Der große Ritt vom Stadtplatz zum Ettendorfer Kircherl, veranstaltet vom St.-Georgs-Verein, mit historischem Schwerttanz am Stadtplatz. Immaterielles Kulturerbe.
Im Frühjahr reiten in Oberbayern Hunderte geschmückte Pferde zu ihrer Kirche, um sich segnen zu lassen. Der Patron ist der heilige Georg, der Drachentöter zu Pferd. Am größten ist der Ritt in Traunstein, jedes Jahr am Ostermontag.
Wenn im Frühjahr die Felder bestellt werden, beginnt im alten Bauernjahr der Sommer. Genau an dieser Schwelle steht der Georgstag am 23. April, und mit ihm einer der schönsten Pferdebräuche Bayerns: der Georgiritt. Reiter in Tracht, Kutschen und historische Gruppen ziehen zu einer Kirche, Pferde und Menschen werden gesegnet, und danach wird gefeiert. Die meisten Georgiritte gibt es im Südosten Oberbayerns und im benachbarten Salzburger Land. Diese Seite erklärt, wer der heilige Georg ist, wie ein Georgiritt abläuft und wo die bekanntesten Ritte stattfinden.
Über das Leben Georgs ist wenig gesichert, ob er überhaupt eine historische Person war, ist umstritten. Der Überlieferung nach starb er am 23. April 303 als Märtyrer in der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian. Berühmt wurde er durch eine Legende, die erst im 12. Jahrhundert auftaucht und durch die Legenda aurea des Jacobus de Voragine Verbreitung fand: Der Ritter Georg befreit eine Königstochter, indem er einen Drachen besiegt. Aus diesem Bild des Reiters zu Pferd wurde der Schutzpatron der Pferde und Reiter, verehrt außerdem von Bauern, Soldaten und Rittern.
Im Bauernkalender ist der Georgstag ein Wendepunkt. Mit ihm beginnt der bäuerliche Sommer, und nach alter Regel durften die bestellten Felder ab diesem Tag nicht mehr betreten werden, damit die Saat nicht litt. Wer an diesem Tag seine Pferde segnen ließ, bat also um Schutz für das Arbeitsjahr, das gerade begann.
Ein Georgiritt ist eine Wallfahrt zu Pferd. Geschmückte Pferde und Wagen ziehen zu einer Kirche oder Kapelle, die oft dem heiligen Georg geweiht ist. Häufig wird das Gotteshaus ein oder mehrmals umritten. Es folgt ein Gottesdienst, an dessen Ende Pferde und Reiter gesegnet werden. Danach kommen vielerorts Geschicklichkeitsspiele wie das Kranzlstechen, bei dem die Reiter einen aufgehängten Kranz mit einem Stab herunterholen müssen, oder historische Vorführungen wie ein Schwerttanz.
Das Umreiten eines heiligen Ortes ist ein sehr alter Gedanke. Schon im Altertum wurden Heiligtümer umschritten, und für den Georgiritt werden Wurzeln in alten Flurumritten vermutet, bei denen um Segen für Feld und Stall gebeten wurde. Getragen werden die heutigen Ritte von Vereinen und Pfarreien, in Traunstein vom St.-Georgs-Verein mit über 600 Mitgliedern.
Der Georgiritt ist die Bitte am Anfang des Arbeitsjahres, die Leonhardifahrt der Dank an seinem Ende.
Der Traunsteiner Georgiritt zählt zu den größten Pferdewallfahrten Bayerns. Er findet jedes Jahr am Ostermontag statt. Vom Stadtplatz zieht die Prozession hinauf zum Ettendorfer Kircherl, einer kleinen Kirche auf der Höhe über der Stadt, die schon 1120 urkundlich erwähnt wird und eine der ältesten Orgeln Bayerns besitzt. Dort werden Pferde und Reiter gesegnet. Im Mittelpunkt des Zuges steht eine Figur des heiligen Georg in römischer Rüstung. Mehr als 300 Pferde nehmen jedes Jahr teil, 2011 waren es 480, dazu kommen Musikkapellen, historische Gruppen und nach Presseberichten über 20.000 Zuschauer.
Die Geschichte lässt sich gut belegen. Eine Ettendorfer Kirchenrechnung von 1762 berichtet, dass am Ostermontag Pferde zum Segnen gebracht wurden, für 1785 sind ein regelmäßiger Ritt und eine von den Bauern bezahlte Messe nachgewiesen. Nachdem der Ritt zeitweise vom Ordinariat untersagt worden war, gründete der Mesner Oswald Fürst am 17. Dezember 1891 den St.-Georgs-Verein, unterstützt von seinem Bruder, dem Maler und Heimatforscher Max Fürst. Den ersten Ritt unter der Regie des Vereins zählte das Traunsteiner Wochenblatt im April 1892 mit 176 Pferden.
Zum Traunsteiner Ostermontag gehört der historische Schwerttanz auf dem Stadtplatz. Er stellt die Vertreibung des Winters durch den Frühling dar: Der rote Vortänzer verkörpert den Frühling, die beiden Wurstl die Geister des Winters. Seine Wurzeln werden auf das Jahr 1530 datiert, in der heutigen Form wird er seit 1926 getanzt. Georgiritt und Schwerttanz sind seit 2016 als immaterielles Kulturerbe anerkannt und stehen im bundesweiten Verzeichnis.
Gern wird erzählt, der Georgiritt sei immer am Ostermontag. Das stimmt nur für Traunstein und einige andere Orte. Der eigentliche Bezugstag ist der Georgstag am 23. April, und viele Ritte finden an einem Sonntag um dieses Datum statt, einzelne sogar ganz woanders im Jahr. Auch die oft behauptete germanische Herkunft ist eine Deutung, kein Befund. Belegt ist in Traunstein eine Pferdesegnung am Ostermontag seit 1762. Wie sich Kern und Legende trennen lassen, zeigt das Thema Mythos gegen Fakt.
Der große Ritt vom Stadtplatz zum Ettendorfer Kircherl, veranstaltet vom St.-Georgs-Verein, mit historischem Schwerttanz am Stadtplatz. Immaterielles Kulturerbe.
Getragen vom örtlichen Georgiverein. Der Ritt startet am Stadtplatz der Salzachstadt, 2026 laut Veranstaltungsübersicht der Stadt am Sonntag, 26. April.
Pferde und Kutschen aus dem Ort, der Umgebung, Oberbayern und Tirol ziehen durch Mittenwald hinauf zur Kapelle am Lautersee. Dort folgt die Messe mit Pferdesegnung, ausgerichtet vom Rosser- und Fiakerverein Mittenwald.
Seit 1888 belegt, 1956 eingeschlafen und 1994 vom Heimatbund Tüßling wiederbelebt. Der Ritt findet heute alle zwei Jahre statt.
Georg ist nicht der einzige Pferdeheilige. Neben ihm verehrt der Alpenraum vor allem Leonhard, außerdem Stephan und Eligius. In Oberbayern stehen sich zwei Termine gegenüber, die das bäuerliche Jahr wie eine Klammer fassen: der Georgiritt im Frühjahr und die Leonhardifahrt um den 6. November. Im Frühjahr wird um Schutz für Pferd und Arbeit gebeten, im Herbst für das überstandene Jahr gedankt. Der größte Unterschied liegt in der Form. Beim Georgiritt sitzen die Wallfahrer meist selbst im Sattel, bei der Tölzer Leonhardifahrt ziehen über 80 geschmückte Vierergespanne mit Wagen zum Kalvarienberg, eine Tradition, die nachweislich bis 1772 zurückreicht.
Auch das Umfeld unterscheidet sich. Der Georgiritt fällt in Traunstein mitten in den Osterfestkreis, der Ostermontag verbindet Auferstehungsfest und Frühjahrsbrauch. Die Leonhardifahrt steht im November in der Nähe von Allerheiligen und Martini. Wie beide Feste im Lauf des Jahres zusammengehören, zeigt das Thema Kirchenjahr.
Wann. In Traunstein am Ostermontag, andernorts meist an einem Sonntag um den 23. April. Genaue Uhrzeiten und Aufstellung veröffentlichen die Vereine und Tourist-Informationen kurz vorher.
Wo stehen. In Traunstein bietet der Stadtplatz den besten Blick auf Schwerttanz und Aufstellung, der Zug lässt sich auch entlang des Wegs nach Ettendorf verfolgen.
Rücksicht. Pferde sind Fluchttiere. Halten Sie Abstand, verzichten Sie auf Blitzlicht und laute Geräusche, und lassen Sie Kinder nicht zwischen die Gespanne laufen. Der Segen ist für viele Teilnehmer ein religiöser Moment, auch wenn rundherum gefeiert wird.
Das Herbstpendant zum Georgiritt, mit den Vierergespannen von Bad Tölz.
Lesen →Palmweihe, Ratschen, Osterfeuer und Speisenweihe, der ganze Osterkreis.
Lesen →Wenn das Vieh im Herbst geschmückt von der Alm kommt.
Lesen →Stand Oktober 2026. Alle Angaben ohne Gewähr. Termine der einzelnen Georgiritte können sich ändern, maßgeblich sind die Angaben der Veranstalter.